ups-und-weg

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Mit dem Nachtzug nach Khiva und zurück

Unser erstes Mal Nachtzug ist anders als erwartet. Als ich die Züge nach Khiva buchen will stelle ich erschrocken fest, dass man nur Schlafwaggons buchen kann. Sitzplätze werden keine angeboten. Warum verstehe ich zuerst nicht, schließlich ist es 8 Uhr morgens, wenn wir in den Zug steigen. Roman macht mich dann aber darauf aufmerksam, dass der Zug aus Andijon kommt und damit einmal quer durch Usbekistan gefahren ist. Wir buchen zwei obere Schlafplätze und sind gespannt, was uns erwartet.

Damit hatten wir allerdings nicht gerechnet. Die Luft ist so stickig und warm, dass man kaum atmen kann. Der Gang ist eng und wir voll bepackt. Überall schauen uns nackige Füße entgegen. Wir schaffen uns bis zu unseren „Sitzplätzen“ vor, die eigentlich keine sind. Wie bitte sollen wir da hoch kommen? Wie sollen wir unser Gepäck da hoch kriegen und wieso kann man da oben nicht aufrecht sitzen? Der nette Mann, der seinen Schlafplatz im Gang hat erklärt mir, wie ich hoch komme und das Gepäck bekommen wir auch verstaut. Dann liegen wir dort. Unfähig etwas anderes zu tun, da es wirklich eng ist. Schlafen ist also die beste Möglichkeit.

Doch nach zwei Stunden drückt meine Blase so unheimlich, dass ich aufstehen und zur Toilette muss. Das Bett des Mannes hat sich in der Zeit, in der ich geschlafen habe, in einen bequemen zweier Sitzplatz verwandelt und er lädt mich ein, dort sitzen zu bleiben. Dann bemerkt er, dass ich noch ziemlich am Husten bin und kocht mir einen Tee. Wir unterhalten uns mit Händen und Füßen und irgendwann stößt auch Roman dazu, der einen Platz auf dem Bett eines anderen Mannes findet. Er ist sogar so lieb und teilt seine Granatäpfel mit uns. Und so verbringe ich den Rest der Fahrt sitzend, während Roman sich irgendwann zurück in sein Hochbett verkriecht.
Kurz vor Khiva steigen meine Reisebekanntschaften aus und wir haben den Zug so gut wie für uns alleine. Wir räumen unser Bett auf und essen was, dann sind wir auch schon da.

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Roman in seinem gemütlichen Abteil
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auch bei mir ist nicht mehr Platz

Die Mittagssonne von Khiva scheint warm auf uns herab. Wir sind auf der Suche nach einem Platz um ein Yandex zu ordern, doch Romans Navigationskünste verlassen uns diesmal. Er führt uns über eine Fußgängerpromenade, auf der keine Autos fahren. Es sind nur ca. 2 Kilometer bis zur Unterkunft und ich beschließe, dass es doch kurz genug wäre, um mit ca. 25 kg auf dem Rücken durch die Mittagssonne zu laufen. Ein paar mal begegnet uns ein Golfcaddy, dass uns anbietet uns mitzunehmen. Wir lehnen höflich ab. Am Eingang zur Altstadt sind wir irritiert. Muss man hier etwa Eintritt zahlen? Und müssen wir jetzt komplett um die Mauer drum rum laufen? Die Frau am Eingang sieht unser Elend und fragt „Hotel inside?“ Wir nicken und sie winkt uns durch. Nachher erfahren wir, dass die Altstadt wohl Eintritt kostet. Ob das auch für Leute gilt, die ihr Hotel dort haben, können wir nicht in Erfahrung bringen.

Wir erreichen die Unterkunft und werden dort sehr spartanisch begrüßt. Die junge Frau zeigt uns das Zimmer und verschwindet wortlos.

 

Zwei volle Tage liegen vor uns, bevor es dann mit dem Nachtzug zurück nach Taschkent geht. Diesmal allerdings für 14 Stunden und diesmal tatsächlich über Nacht. Spoiler: Es wird nicht schön.

 

Auch hier, haben wir uns vorgenommen, keine festen Sehenswürdigkeiten mehr anzusteuern. Wir wollen uns treiben lassen. Die Altstadt mit ihren Gassen soll wie ein eigenes kleines Museum sein. Wir machen uns auch auf den Weg und spazieren durch die kleinen Straßen.
Innerhalb weniger Schritte stoßen wir auf das Wahrzeichen von Khiva. Das Kalta Minor, ein unvollendetes Minarett. Zusammen mit den sandfarbenen Gebäuden drumherum gibt es ein perfektes Bild. Uns reicht es aber für heute.

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Kalta Minor
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Gasse in der Stadt
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Skulptur in der Stadt

Auf der Dachterrasse des „Terassa“ lassen wir den Tag ausklingen und beobachten zwei deutsche junge Mädels, die mit dem jungen Kellner flirten. Dieser hat solche Schmetterlinge im Bauch, dass er seine anderen Aufgaben glatt vergisst, was die ältere Damen am Tisch neben uns in Rage bringt. Schließlich habe er nun endlich mal den Tisch abzuräumen. Es macht Spaß einfach da zu sitzen und zu beobachten.

Mit Einbruch der Dämmerung wollen wir uns eigentlich auf den Heimweg machen. Da fallen uns unglaublich viele Männer in Anzügen auf. Der Minister Usbekistans und der Kasachstans treffen sich heute wohl genau hier. Und wir mittendrin. Wir verfolgen das Spiel noch ein bisschen, bis es für uns zurück ins Zimmer geht.

Auch am nächsten Tag haben wir uns nichts festes vorgenommen. Nach dem Frühstück, dass wirklich keine Wünsche offenlässt dösen wir noch ein bisschen im Zimmer herum, bevor es wieder in die Altstadt geht.
Schlendern, Käffchen, gucken genießen. Das ist gerade genau das, was wir gerade brauchen.

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das vielfältige Frühstück in der Unterkunf

Die Freitagsmoschee würden wir aber schon gerne sehen. Sie ist berühmt für ihre Holzbalken. Leider wird sie gerade renoviert und wir erhaschen nur einen Blick durch einen kleinen Spalt einer abgeschlossenen Tür. Ein anderer Tourist beobachtet uns dabei und erklärt uns, dass die Tür ums Eck offen ist und man hinein könne. Freudig machen wir uns auf den Weg, um festzustellen, dass diese Tür auch verschlossen ist. Dafür gibt es einen Straßenstand, der Maiskolben verkauft. Wir gönnen uns zwei, die wir in der Nähe eines Friedhofes, der sich hinter der Moschee befindet essen. Wir wollen gerade unseren Spaziergang fortsetzen, da entdecken wir die Tür in das Innere der Moschee. Die Balken, alle mit unterschiedlichen Schnitzereien verziert, tragen die Decke, die gerade renoviert wird. Es ist angenehm kühl hier und durch den Geheimgang, sind auch nur wenige andere Menschen hier.

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Schnitzereien der Säulen
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Blick in die Freitagsmoschee

Den Sonnenuntergang schauen wir uns über den Dächern der Altstadt auf der Stadtmauer an. Außer uns hat es noch viele andere hierhergezogen, unter anderem ein Paar, das Verlobungsfotos in traditioneller Kleidung macht. Hochzeiten haben wir generell schon viele in Usbekistan beobachtet. Sowohl in Samarkand, als auch hier sehen wir täglich mindestens 5 Brautpaare.

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Ausblick auf die Altstadt
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Verlobungsbilder in traditioneller Kleidung
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Khiva im Sonnenuntergang

Unsere restliche Zeit in Khiva verbringen wir entspannt, in Cáfes, um unseren nächsten Teil der Reise zu planen. Als nächstes wird es nämlich nach China gehen. Dafür gibt es noch ein paar Dinge zu erledigen, wie Apps runterladen, SIM-Karten besorgen und die grobe Route festlegen.

Und dann ist es auch schon an der Zeit in den Nachtzug zu steigen. Roman hat schon jetzt Bauchweh, 14 Stunden rumzuliegen. Unsere Betten befinden sich im Gang. Oberes Bett. Wir hatten zu spät gebucht und daher keins der begehrten unteren Betten mehr erhalten. Die Soldaten, einige Abteile vor uns, erklären uns, dass wir uns im Waggon geirrt haben. Haben wir nur leider nicht.
Die erste Stunde sind wir noch fast allein und können unten entspannt sitzen. Dann steigen die Passagiere der unten Betten zu. Von vier bis ca. acht Uhr kann ich so sitzen. Dann möchte die Dame unter mir schlafen und ich sehe mich gezwungen nach oben zu gehen. Es ist furchtbar heiß und stickig. Ich vertreibe mir die Zeit mit Serien schauen, weiß aber auch bald nicht mehr, wie ich mich noch hinlegen soll. Durch die überwiegend sehr harten Matratzen in Usbekistan tut mir die Hüfte weh und auf der Seite liegen ist immer nur kurze Zeit möglich. So geht es hin und her, Stunde um Stunde, bis mein Körper um zwei Uhr nach einer Pipipause erschöpft aufgibt und endlich einschläft. Ich schlafe bis ca. halb 7. In einer Stunde haben wir es geschafft. Wir rollen unsere Betten zusammen und steigen um 7:30 Uhr morgens endlich aus dem Zug.

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noch ist alles leer im Zug
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nach oben verbannt

Gerädert halten wir nach einem Café Ausschau. Gegenüber befindet sich ein Safia, die usbekische Cafekette, auf die Roman vertraut. Er öffnet leider erst um 8 Uhr. Uns ist das egal. Wir setzen uns auf die Treppe und warten, bis pünktlich um 8 Uhr der Rolladen hochgeht. Überglücklich stürzen wir herein.

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Endlich in Taschkent angekommen

Für den Tag haben wir uns noch in einem kleinen wunderschönen Guesthouse in Taschkent eingebucht. Am Abend geht der Flieger dann weiter nach Shanghai, wo neue Abenteuer auf uns warten.