ups-und-weg

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Das Fergana Tal - das Industriegebiet Usbekistans

Eisenbahnromantik. Genau davon träume ich, als ich um kurz nach sieben am Bahnsteig in Taschkent stehe und den Zug suche, der uns um 8:00 Uhr ins idyllische Fergana Tal bringen soll. Normalerweise ist früh aufstehen gar nicht meins, Überpünktlichkeit schon gar nicht. Doch in allen Reiseführern stand, dass man früh da sein soll, da es hier Sicherheitskontrollen, wie am Flughafen gebe. Unser Gespäck wurde zwar durchleuchtet, aber niemand scheint sich wirklich dafür zu interessieren, was wir dabei haben. Glücklicherweise ist der Zug bereits am Bahnsteig und ich kann meine Träumerei im Inneren fortsetzen. Ein Tal umsäumt von den Bergen Kirgistans. Kleine Städte und Dörfer, die malerisch perfekt in die Landschaft passen. Genauso stelle ich mir das Tal vor. Auch der Reiseführer sagt, dass bereits die Zugfahrt dorthin schön und lohnenswert sei. Ich setze mich gespannt etwas aufrechter hin als der Zug sich in Bewegung setzt und langsam Taschkent verlässt. Es gibt für jeden einen Chai, den Roman und ich dankend annehmen. Nach ca. einer Stunde fahrt sieht man die Berge im Hintergrund und ich denke mir. Ganz schön. Das war´s dann aber auch leider schon. Kurz darauf tauchen Atomkraftwerke auf, die Landschaft ist vom Bergbau gezeichnet und Roman und ich sind sichtlich entsetzt zu was wir Menschen im Stande sind. Als nach einer weiteren Stunde Fahrt immer noch keine atemberaubende Landschaft auftaucht, fallen mir doch erschöpft die Augen zu.

In Margilan angekommen wollen wir es diesmal mit dem Taxi besser machen. An der Masse der „Taxi, Taxi!!“ rufenden Meute vorbei und dann auf Yandex Go einen Fahrer bestellen. In der Theorie klappt das ganz gut. Wir stehen am Parkplatz und wollen grade das Taxi bestellen, als eins angefahren kommt. Wir zeigen auf unser Handy und sagen „Yandex“, er sagt „no Yandex“, wir verhandeln und zack sitzen wir wieder in einem total überteuerten Taxi mit einem dubiosen Fahrer, der Roman auch noch dubiose schwarze Kügelchen anbietet. In der Unterkunft angekommen, denken wir uns, dass es eigentlich nur besser werden kann.

 

Die Unterkunft hatte sehr gute Bewertungen und für den Preis von 10 Euro pro Nacht inklusive Frühstück musste ich einfach zuschlagen. Drei Nächte wollen wir bleiben. „Das sind eindeutig drei Nächte zu lang“, entgegnet Roman mir als er unser Zimmer sieht. Das Badezimmer war dreckig, im Abfluss hängen Haare und Roman glaubt auch ein benutztes Kondom ausfindig zu machen. Das Zimmer riecht muffig und als wäre es gerade erst frisch gestrichen worden. „Ich werd´s überstehen“, stellt Roman nüchtern fest „ Ist halt so, wenn ich den Budgetfreund (damit meint er mich) die Zimmer buchen lasse“.

Da uns im Zimmer nichts hält, beschließen wir die Stadt Ferganga, in der wir unsere Unterkunft haben, ein wenig zu erkunden. Fergana ist eine sehr junge Stadt, ohne nennenswerte Sehenswürdigkeiten, dafür aber auch mit einer Art Freizeitpark, der aber im Gegensatz zum DreamPark in Tashkent sehr in die Jahre gekommen wirkt. Hier tummelt sich die Jugend von Fergana. Für uns gibt es sonst nichts weiter zu sehen. Wir warten, was der nächste Tag bringt.

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Monument Al Fergani im Park
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Riesenrad im Park

Obwohl Roman skeptisch ist, ob wir es schaffen, überhaupt etwas zu sehen, schaffen wir es mit der Yandex Go App nach Margilan. Dort gibt es eine alte Seidenfabrik, die auch für Touristen Touren anbietet. Auf dem Weg dorthin treffen wir zwei ältere Männer am Straßenrand, die uns ansprechen. Wo wir her wären: „Germania near Frankfurt“. „Oh Germania“, sagen beide und heben die Daumen nach oben. Mit Händen und Füßen gelingt uns ein Gespräch. Beide waren wohl schon in Deutschland, einer davon Offizier in Leipzig, Dresden und Cottbus. Das erwähnt er auch um die 50x. Wir bekommen noch eine Tüte Trauben und eine Rose geschenkt und man lässt uns ziehen.

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Ich mit meiner geschenkten Rose

Die Führung ist interessant und man lernt einiges über den aufwendigen Herstellungsprozess von Seide. Muslimischen Männern ist es übrigens nicht gestattet Seide zu tragen. Diese ist den Frauen vorbehalten.

Auf dem Rückweg schlendern wir noch über den Bazar, mit dem Ziel eine Honigmelone zu kaufen. Hier soll es die besten des Landes geben. Ein Verkäufer bietet uns ein Stück an. Sie schmeckt herrlich. Wir wollen eine der kleinsten erstehen, die immer noch riesig ist. Zu unserer Überraschung bekommen wir auch diese geschenkt.

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Seidenfabrik Yodgorlik

Am nächsten Tag möchten wir mit dem Sammeltaxi nach Kokand. Wir suchen die Bushaltestelle auf und warten geduldig. Nach kurzer Zeit taucht ein Kleinbus auf, auf den sich alle stürzen. Wir haben bereits gelernt, dass man hier meistens nur mit drängeln weiterkommt, doch wir schaffen es nicht ins Taxi. Das nächste kommt etwa eine halbe Stunde später und wir ergattern zwei Plätze. Ich auf einem Klappsitz, Roman vor mir auf einem Hocker. Es ist eng und die Luft steht. Die Fahrt dauert etwa eine Stunde. Im Bus macht Roman die Bekanntschaft mit einem Mann, der gerade deutsch lernt. Dieser ist so nett und bringt uns nach der Taxifahrt zum Khanspalast.

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Im vollen Sammeltaxi

Die Paläste in Usbekistan sind im Inneren wunderschön verziert. Insbesondere die Holzdecken und aufwendig geschnitzten Holzsäulen faszinieren uns sehr. Von der alten Bracht ist leider nur noch die Architektur übrig. In vielen Zimmern befinden sich Ausstellungsstücke aus vergangenen Zeiten. Jedes Museum hat zudem noch einen Teil der Naturwissenschaft, in dem man überwiegend ausgestopfte, gruselige Tiere findet.

Ein Stück zu Fuß gibt es einen interessanten Friedhof, verschiedene Moscheen und Plätze, die wir erkunden.

Zurück geht es nochmal mit dem Sammeltaxi. Diesmal mit weniger Andrang und auf bequemen Sitzen.

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Verzierungen im Khanspalast
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Freitagsmoschee
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Madari-Khan-Mausoleum

„Ich dachte nicht, dass es im Ferganatal reibungslos klappt.“, sagt Roman abends mit einem freudigen Lächeln im Gesicht und dem Wissen, dass wir morgen unser Zimmer endlich verlassen werden.